Vita / Lebenslauf
Kurzbiografie
1939 * in Düsseldorf (geborene Warnecke)
1959 – 1960 Zeichenstudium an den Werkkunstschulen in Düsseldorf und Krefeld
1960 – 1963 Studium bei dem Düsseldorfer Maler Hannes Loos
1965 – 1968 Studium und Abschluss an der Kunstschule Jo Strahn, Düsseldorf, in den Fächern Freie Malerei und Grafik
1968- 1971 Ausbildung als Tanzlehrerin
seit 1987 Mitglied im BBK (Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler)
1991- 2011 Vorsitzende der Künstlerinnen Sezession Düsseldorf e.V.
Ursula Kaechele lebt und arbeitet in Düsseldorf
Über die Farbe in der Malerei von Ursula Kaechele
von Willi Kemp
Die Bilder sind von einer subtilen Farbigkeit; nie sind sie bunt. Es sind Farbklänge vorhanden, die, wie klassische Musik, harmonisch wirken. Es gibt keine Farben, die hart aufeinanderprallen. Diese Farbigkeit ist nicht kalkuliert, es wird nicht zwischen kalten und warmen Farben abgewägt; sie stammt vielmehr aus der Sensibilität der Malerin. Obwohl alle Farben auf ihrer Palette vorhanden sind, ist nichts Lautes, Aufdringliches, Grelles da, das sich in den Vordergrund spielt. Wenn es eine Vorliebe für eine Farbe gibt, dann ist es das differenzierte Weiß, das zum Leuchten gebracht wird.
Die Malerin schafft mit der Farbe einen imaginären Raum. In den Arbeiten der letzten 10 Jahre ist ein vibrierender Farbraum entstanden, der den früher vorhandenen flächigen Eindruck verdrängt hat. In diesem Farbraum kommt es zu einem Pulsieren, zu einem Atmen der Bildfläche, das durch das Zudecken mit Farbe und Aufdecken des Grundes durch Wegwischen und Kratzen entsteht. Die Farbigkeit ist immer verhalten. Mit Beginn der 90iger Jahre wird das Weiß immer stärker im Bild eingesetzt, es wird in seinen vielfältigen Modulationen in den Vordergrund gerückt.
Am Beginn ihrer Malerei stand eine festgefügte Form auf der Bildfläche (Kulissenbilder). Die Bildfläche wurde durch Farbformen aktiviert. Im Laufe der Zeit wird die Form aufgebrochen und durch ein grafisches Lineament ersetzt. Das grafische Elemente hat sich im Laufe der Zeit verfeinert, der Strich ist feingliedriger geworden. Die kleinen Farbstriche sind charakteristisch für das neue Werk. Sie können sich zu Formationen zusammenschließen, sie können den Rand akzentuieren (bei den Farbrand-Bildern) und zu immer neuen Bilderscheinungen führen.
Das Bild ist nicht Abbild, sondern Malspur. Das größte Bild ist so groß, wie die Arme reichen: 1,60 m. Die Malerin sagte in einem Gespräch: „Es gibt diese Angst vor der weißen Fläche, vor dem Anfang.“ Gibt es ein Konzept? Ja und nein. Bei den Klangfeldern war das leicht, da gab es eine grundsätzliche Überlegung, aber keine genaue Festlegung. Es ist immer wieder der Versuch in Unbekanntes vorzustoßen. Man fängt an und weiß nicht, wohin der Weg führt, ob er tragbar ist. Mit jedem Eingriff wird das Ganze auch immer wieder in Frage gestellt. Es gibt keine Vorzeichnung auf dem Bild, kein Ausmalen, kein Arbeiten an einer bestimmten Stelle, die dann irgendwann fertig wäre. Während des Malvorganges verändert sich das Bild ständig. Alles steht in einem Zusammenhang und wird aus dem Gesamtgeschehen heraus bewertet. Ob der Anfang zu einem Bild führt, ist ungewiss. „Es ist das künstlerische Wagnis, welches man eingehen muss“, sagt die Künstlerin.
Diese Bilder erschließen sich nicht dem begrifflichen Denken, weil nichts Narratives vorhanden ist. Nur in der Anschauung können Sie als ein Farbkosmos und als ein rhythmisches Raum-Zeitfeld verstanden werden. Die Bilder wollen gesehen werden, wie man Musik hört und wie man sich die Strömungen und Bewegungen von Rhythmus vorstellt. Nicht zufällig gibt es eine ganze Reihe von Titeln, die sich auf die Musik und auf Bewegung beziehen: „Klangfeld“ und „Bewegte Farben“.
(Auszug aus seinem Vortrag anlässlich der Eröffnung der Einzelausstellung „Farbe – Licht – Bewegung“ von Ursula Kaechele im Kunstverein Schwelm, Haus Martfeld am 20.7.2003, vollständig abgedruckt in: „Willi Kemp: Im Dialog mit der Kunst“ Bd. II, S.467ff, Düsseldorf 2019)
Ausstellungen (Auswahl)
1967 Erste Einzelausstellung in Fatty’s Atelier, Düsseldorf (E)
Beteiligung an Ausstellungen der Künstler*innen Sezession Düsseldorf (Auswahl):
1989 Kunstpalast Düsseldorf, „Malerei und Objekte“
1990 Folkwang Hochschule, Essen, „Bildklang – Klangbild“
1992 Kunstpalast Düsseldorf, „Sprachklangfelder“ mit dem Schauspieler Gerd Braasch
1994 Städtische Galerie Grevenbroich, Haus Hartmann, „Zeit im Bild“ mit dem Komponisten Kunsu Shim
1994 St. Marienkirche, Dortmund, „Kreuzwege“, Interaktion mit der Tänzerin Christine Brunel
1995 Oberschlesisches Landesmuseum, Ratingen-Hösel
1995 Aula Carolina, Aachen, „Positionen“
1995 Sursock Museum, Beirut, Libanon
1996 Frauenmuseum, Bonn, „Hommage Clara Schumann“ mit der Komponistin Anna Ikramova
1997 Thyssen-Villa, Mülheim/Ruhr, „Sprachklangfelder“ mit dem Komponisten Gerhard Stäbler
1998 Folkwang Hochschule, Essen, mit dem Komponisten Wolfgang Hufschmidt
1998 Stadtmuseum Düsseldorf, „Windgesänge“, mit der Komponistin Anna Ikramova
1999 × Centre Culturel Francais, Beirut, Libanon
1999 Deutsch-Libanesisches Kulturzentrum Joinieh, Libanon
1999 Berufsverband Bildender Künstler, Düsseldorf (BBK)
2003 Forum Kunst und Architektur, Essen
2006 Evangelische Marienkirche, „Passion“, Dortmund
2006 T-Systems, „Positionen“, Mülheim/Ruhr
2008 Forum Kunst und Architektur, „20 Jahre Künstlerinnen Sezession“, Essen
2010 Scheidtsche Tuchfabrik, „von purpurROT bis königsBLAU“, Kettwig
weitere Ausstellungen (Auswahl):
2003 „Farbe – Licht – Bewegung“, Kunstverein Schwelm, Haus Martfeld (E)
2009 „Die Leichtigkeit des Weiß“ Kloster Kamp, Kamp-Lintfort (E)
2009 Oberlandesgericht Düsseldorf, mit Anneliese Louven (E)
2012 „Rückspiegel“ Gut Selikum Neuss (E)
2016 Die Grosse, Museum Kunstpalast, Düsseldorf (G)
2019 „Color in Motion“ Künstlerloge, Ratingen (E)
2019 „Highlights“ aus der Sammlung Willi Kemp, Kunstpalast, Düsseldorf (G)
2019 „Klangfelder“ Kopfermann-Fuhrmann Stiftung (E)
2022 „Die blaue Stunde“ SITTart-Galerie (G)
2022 „Paare in der Kunst“ Bundesbank Düsseldorf, Sammlung Kemp (G)
2024 „Farbrausch“ Kunstpalast Düsseldorf, Sammlung Kemp (G)
2026 15. März. 2026 Austellungseröffnung „Pas de deux“ Galerie Schloss Neersen, Willich (G)
Ursula Kaechele – eine Malerin maßvoller Leichtigkeit
von Kay Heymer
Aber wie ein Musiker seine Empfindungen vom
Sonnenaufgang wiedergeben kann, ohne die Töne
eines krähenden Hahnes zu verwenden, so hat
der Maler rein malerische Mittel, um seine
Eindrücke des Morgens ‚einzukleiden‘,
ohne dass er einen Hahn malen muss.
Wassily Kandinsky, 1935*
Ursula Kaechele ist eine optimistische und lebensbejahende Malerin. Ihre künstlerische Entwicklung verlief ungewöhnlich, im Ergebnis jedoch völlig konsequent. Sie hat ihre Ausbildung in den Jahren 1959-68 absolviert und dann 1968 um eine Ausbildung zur Tanzlehrerin ergänzt. Bedingt durch biographische Umstände begann sie erst 1985, ausschließlich bildkünstlerisch zu arbeiten. Sie konzentrierte sich auf eine abstrakte Form der Malerei, in der die Eindrücke der älteren Generation informeller Malerei – Götz, Schultze, Hoehme, Gaul… – als wesentliche Inspirationsquelle stets sichtbar blieben, ohne allerdings derart in den Vordergrund zu treten, dass man die Bilder von Ursula Kaechele als bloß epigonal abtun müsste. Der Nestor der informellen Malerei, K. O. Götz, konnte 1999 mit Recht feststellen, dass sich Ursula Kaecheles in den 15 vorangegangenen Jahren entstandene Bilder von dem „Wust an pseudo-informeller Malerei“ als „Wohltat“ abhebe, und er begründetet diese Feststellung mit ihrer „intelligent und sensibel gesetzten Faktur“**. In seinem Essay zur Malerei von Ursula Kaechele – dem ersten grundlegenden Aufsatz zu ihrer Kunst – hat Willi Kemp im selben Jahr die informelle Malerei als „Grundsubstanz“ ihrer Bilder bezeichnet und analysiert, wie diese Malerin das informelle Vokabular als Arbeitsmaterial nutzt, um Bilder zu schaffen, die eine vom Rhythmus dominierte Struktur etablieren, in denen Maß und Harmonie von zentraler Bedeutung sind.*** Ursula Kaecheles Malerei ist demzufolge nicht formlos, sondern schafft aus Elementen der formlosen Malerei sorgfältig strukturierte Bilder, die sich gleichsam aus den formlosen Bestandteilen vor den Augen des Betrachters konstituieren. Dies erfordert eine teilnehmende Betrachtung und verdankt sich der Erfahrung der gestischen Richtung von Informel und Abstraktem Expressionismus, zweier Kunststile, auf denen Ursula Kaechele aufbaut. Zentral für ihre Malerei sind dabei zwei Komponenten: einerseits ihre enge Verbindung zu Musik und Rhythmus, was ihre Bilder in eine Traditionslinie stellt, in der Kandinsky, der späte Mondrian und Pollock überraschende Affinitäten enthüllen, und andererseits der bedingungslose Optimismus und das lebensfrohe Harmoniebedürfnis der Malerin, dem ihre Bilder die maßvolle und gleichzeitig intensive Wirkung verdanken. Ursula Kaechele hat selbst davon gesprochen, ihre Malerei versuche, „musikalische Eindrücke in farbige Impressionen umzusetzen“. Ohne diese Aussage gelesen zu haben, erklang bei meiner ersten Begegnung mit einem Gemälde von Ursula Kaechele im Jahr 2009- es handelte sich um das Bild Klangfeld VIII – in meinem Kopf das Konzert für Harfe und Orchester in B-dur op. 4 von Georg Friedrich Händel, eines der für mich optimistischsten und schönsten Musikstücke überhaupt, mit dem ich Ende der 1970er-Jahre innerlich gegen den Punkrock jener Jahre rebellierte. Eine Aufnahme des spanischen Harfenisten Nicanor Zabaleta hatte mir als Schüler buchstäblich die Ohren geöffnet. Die Leichtigkeit und Anmut dieser Musik konnte ich nun 30 Jahre später bei der Betrachtung von Ursula Kaecheles Bild sofort wieder hören. Es war die überzeugende Mischung aus frei gesetzten, hellen Linien und Linienbündeln, die auf einer Struktur von kristalliner Klarheit fußten, durch die mir beim Anblick des Gemäldes der Klang von Händels Konzert schlagartig bewusst wurde. Diese Wirkung mag subjektiv sein, dennoch deutet sie auf eine durchaus objektiv bestehende Qualität der Malerei von Ursula Kaechele hin.
Die Malerei von Ursula Kaechele ist in jeder Hinsicht maßvoll. Statt greller Farben bevorzugt sie gemäßigte Töne, statt aggressiver Gestik behutsam geführte Linien. Das heisst nicht, dass es ihrer Malerei an Entschiedenheit fehlt. Jede Emotion kann mit der Malerei zum Ausdruck gebracht werden, und die souveräne Langeweile der Landschaften und Stillleben von Paul Cézanne ist nur eines der berühmten Beispiele für eine radikale Malerei, die sich aus ganz und gar nicht radikalen Motiven und Farbetönen speist. Genau so ist es bei Ursula Kaechele. Ihre Bilder sind radikal und mit höchster Genauigkeit maßvoll, denn sie sind auf Harmonie ausgerichtet, nicht auf Disharmonie. Der Vergleich mit den Kompositionen Händels trifft auch auf dieser Ebene. Händel schuf zahlreiche Auftragskompositionen wie seine berühmten Tafel- und Feuerwerksmusiken, deren ursprüngliches Publikum vielleicht gar nicht an der ebenso handwerklich wie künstlerisch virtuosen Ausführung interessiert war, sondern einfach ein angenehmes Hintergrundgeräusch hören wollte. Die Eleganz und Leichtigkeit seiner Musik täuscht über die enorme Verfeinerung seiner Kompositionstechnik ebenso hinweg wie die angenehme und gemäßigt wirkende Erscheinung der Gemälde von Ursula Kaechele über die kultivierte Raffinesse ihrer Malerei. Wenn man zu oberflächlich wahrnimmt, entgeht einem das Wesentliche. In den Bildern von Ursula Kaechele zeigt sich ein authentisches und vollkommen ehrliches Temperament, das der Welt so viel positive Kraft abringen will wie möglich. Indem ihr das gelingt, wird ihre Kunst auch über stilistische und historische Grenzen hinweg bedeutsam. In ihrer Malerei manifestiert sich eine fast überpersönliche, formende Kraft, die das Leben feiert und völlig alterslos wirkt. Dass von Kuratoren und der Öffentlichkeit immer wieder Kategorien und Klassifizierungen ins Spiel gebracht werden, in denen festgelegt wird, was junge und was alte Kunst sei, was aktuell und was veraltet, erscheint bei der Betrachtung der Malerei von Ursula Kaechele unangebracht. Ihr Temperament ist gegenwärtig, und bei jeder Betrachtung eines ihrer Bilder ereignet sich das Erlebnis dieses Bildes neu.
Anmerkungen:
*Wassily Kandinsky, unbetitelter Aufsatz für Cahiers d’art, 1935, zit. nach. Essays über Kunst und Künstler, Bern, 3. Aufl. 1972, S. 167.
**K. O. Götz, unbetitelter Text über Ursula Kaechele, in: Ursula Kaechele. Malerei der letzten Jahre. Düsseldorf 1999, S. 4.
***Willi Kemp, „Zur Malerei von Ursula Kaechele“, ebd., S. 7-14, Zitat S. 10.